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Umwelt und kulturelles Gedächtnis in der mittelalterlichen Sagaliteratur Islands

Abstract: Vormoderne literarische Texte sind in den Environmental Humanities – der geisteswissenschaftlichen Umweltforschung – eine bislang vernachlässigte Quellenart. Doch sie können Aufschlüsse darüber geben, wie frühere Gesellschaften Naturressourcen nutzten, Umweltrisiken und Umweltveränderungen wahrnahmen und wie Wissen über Umweltbedingungen als Teil des kulturellen Gedächtnisses tradiert wurde. Die mittelalterliche Sagaliteratur Islands ist besonders gut für die interdisziplinäre Erforschung vormoderner Mensch-Umwelt-Dynamiken geeignet. Die Sagas beschreiben nicht nur die Geschichte Islands von der Besiedlung um 870 n. Chr. bis zum Spätmittelalter, sondern auch vergangene Umweltbedingungen im Kontext einer nahezu ausschließlich agrarisch geprägten Gesellschaft, die sich in Wikingerzeit und Mittelalter mit vielfältigen Umweltrisiken und Veränderungen von Ökosystemen und Klima konfrontiert sah.

In diesem Projekt wurde die isländische Sagaliteratur erstmals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive und unter Einbezug des bisherigen umwelthistorischen und umweltarchäologischen Forschungsstandes auf Umweltaspekte hin analysiert. Der Fokus lag auf vier Bereichen, zu denen es bislang an grundlegenden Untersuchungen fehlte: der Darstellung von (1) Naturressourcen und Nachhaltigkeit, (2) Umweltrisiken, (3) Umweltveränderungen sowie (4) dem Zusammenhang von Umwelt und Erinnerung. Den theoretischen Hintergrund des Projekts bildeten um Umweltaspekte erweiterte Theorien des kulturellen Gedächtnisses.

Auf Basis der Originalquellen wurden mittelalterliche Wahrnehmungen von Umweltaspekten erschlossen und neue Einblicke in den Umgang einer vormodernen Gesellschaft mit umweltbezogenen Risiken und problematischen Veränderungen gewonnen. Mit seinem Fokus auf die sozioökologischeResilienz menschlicher Gemeinschaften schuf das Projekt eine Grundlage für weitere interdisziplinäre geisteswissenschaftliche Umweltforschung unter Einbeziehung literarischen Materials. Es trug zudem dazu bei, eine Langzeitperspektive auf Umweltfragen zu generieren, die für die gesellschaftspolitische Diskussion von Themen wie nachhaltiger Entwicklung oder des anthropogenen Klimawandels von Bedeutung ist.

Förderung: Das Projekt wurde von der schwedischen Stiftung Wenner-Gren Stiftelserna mit einem zweijährigen Postdoktorandenstipendium gefördert.
 
Projektbezogene Publikationen: “Miljö och minne: att skapa ett långtidsperspektiv på hållbarhetsfrågor.” Hållbarhetens många ansikten: Samtal, forskning och fantasier. Hgg. v. Edit Andresen, Gustav Liden und Sara Nyhlen. Sundsvall: Mittuniversitetet 2017, S. 117-125.
“Environmental Humanities.” The Handbook of Pre-Modern Nordic Memory Studies. Hgg. v. Jürg Glauser, Pernille Hermann und Stephen Mitchell. Berlin/New York: De Gruyter (erscheint voraussichtlich 2018).
“Aesthetic Appreciation of Landscape in the Sagas of Icelanders.” Landscape and Myth in North-Western Europe. Hgg. v. Matthias Egeler. Turnhout: Brepols (erscheint voraussichtlich 2018).
Aus der Vergangenheit lernen? Die Bedeutung der mittelalterlichen isländischen Literatur für die Umweltdiskussion der Gegenwart“, in: Culturescapes Island: Zwischen Sagas und Pop, hg. v. Culturescapes, Basel: Merian 2015, S. 45-52.
Environmental Scarcity and Abundance in Medieval Icelandic Literature, in: The Imagination of Limits: Exploring Scarcity and Abundance, hg. v. Frederike Felcht und Katie Ritson, RCC Perspectives 2015, no. 2, S. 37–43.
 
Weitere Publikationen sind momentan in Begutachtung.

 
 
 

Dissertationsprojekt (abgeschlossen)

Projekttitel: Natur, Kultur und Aktivismus: Eine kulturökologische Analyse umwelt-engagierter Literatur aus Island und Norwegen
Betreuer: PD Dr. Thomas Fechner-Smarsly
(Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)
Abstract: Trägt Literatur zur Schaffung von Umweltbewusstsein und zur Lösung ökologischer Probleme bei? Durch welche inhaltlichen und funktionalen Merkmale zeichnen sich umwelt-engagierte literarische Texte aus? Auf welche umweltethischen Argumente greifen derartige Texte zurück? In welchem Verhältnis stehen sie zu zeitgenössischen Umweltbewegungen und deren ökologischen Ideen? Und schließlich: Welche Bedeutung kommt in solchen Texten den Ebenen des Lokalen, des Nationalen und des Globalen zu?

Zur Beantwortung dieser Fragen verwende ich einen Ansatz, der drei Teilgebiete der so genannten environmental humanities miteinander verbindet. Dies ist einerseits ein Bereich der Literatur- und Kulturwissenschaften, der sich mit Umweltfragen befasst und für den mittlerweile die Bezeichnung ecocriticism etabliert ist. Hinzu kommt die Umweltgeschichte, die vergangene Umweltbedingungen und Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur, aber auch die Geschichte natur- und umweltbezogener Ideen sowie die von Umweltbewegungen erforscht. Der dritte Bereich ist die Umweltethik, deren Theorien eine differenzierte Analyse des umweltethischen Argumentationsraums auch literarischer Texte ermöglichen. Methodisch folge ich einem als ‘kulturelle Ökologie’ bezeichneten Modell von Hubert Zapf, dem zufolge literarische Texte auf funktioneller Ebene eine triadische Struktur aufweisen: Sie fungieren als kulturkritischer Metadiskurs, imaginativer Gegendiskurs und als reintegrativer Interdiskurs. Dieses Modell verbinde ich mit einer von Georg Bollenbeck erarbeiteten, inhaltlich neutralen Definition von Kulturkritik. Hiervon ausgehend wird eine nähere Bestimmung der Merkmale umwelt-engagierter Literatur sowie eine umfassende Berücksichtigung des jeweiligen historischen und kulturellen Kontexts derartiger literarischer Texte möglich. Die Kontrastierung isländischer und norwegischer umwelt-engagierter Literatur zeigt dabei, dass die Wahrnehmung von Umweltfragen in hohem Maße kulturell geprägt ist und dass insbesondere Auffassungen nationaler Identität in diesem Zusammenhang große Bedeutung zukommt.

Als Quellen verwende ich Texte von jeweils fünf isländischen und norwegischen Autoren aus der Zeit von 1970 bis zum Jahr 2013. Die isländischen Texte sind Halldór Laxness’ Essay „Hernaðurinn gegn landinu“ („Der Krieg gegen das Land“, 1970), Svava Jakobsdóttirs Roman Gunnlaðar saga („Die Geschichte von Gunnlöð“, 1986), Jón Kalman Stefánssons Romantrilogie Skurðir í rigningu („Gräben im Regen“, 1996), Sumarið bakvið brekkuna („Der Sommer hinter dem Hügel“, 1997) und Birtan á fjöllunum („Das Licht auf den Bergen“, 1999), Andri Snær Magnasons nicht näher kategorisierbares Buch Draumalandið. Sjálfshjálparbók handa hræddri þjóð („Traumland. Ein Selbsthilfebuch für eine verängstigte Nation“, 2006) und Oddný Eir Ævarsdóttirs Tagebuchroman Jarðnæði („Grundbesitz“, 2011). Die Texte aus Norwegen sind Erik Dammanns essayistisches Buch Fremtiden i våre hender („Die Zukunft in unseren Händen“, 1972), Knut Faldbakkens zweiteiliger Roman Uår – Aftenlandet („Unjahre – Das Abendland“, 1974) und Uår – Sweetwater („Unjahre – Sweetwater“, 1976), Sidsel Mørcks Dokumentarromane Stumtjenere („Stummer Diener“, 1978) und Ikke til salgs! („Nicht zu verkaufen!“, 1983), Gert Nygårdshaugs Romane Mengele Zoo (1989) und Chimera („Schimäre“, 2011) sowie Jostein Gaarders Jugendroman Anna. En fabel om klodens klima og miljø („Anna. Eine Fabel über das Klima und die Umwelt des Planeten“, 2013).

Förderung: Das Projekt wurde von der Heinrich-Böll-Stiftung mit einem Promotionsstipendium gefördert.
Status: Die Arbeit wurde im Januar 2014 an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn eingereicht und mit der Note ‘sehr gut’ (1,0) bewertet. Die mündliche Prüfung (Rigorosum) fand am 23.04.2014 statt. Die Promotionsleistungen wurden insgesamt mit ‘magna cum laude’ (0,6) bewertet. Die Dissertation wurde im Oktober 2014 unter dem Titel Umwelt-engagierte Literatur aus Island und Norwegen. Ein interdisziplinärer Beitrag zu den environmental humanities in der Reihe Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik veröffentlicht.
Weitere Informationen: